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“Blindes Verständnis”: DFL schult spezielle Radiomacher der Proficlubs

von MARK ZELLER

KAMEN – Während Fußball-Deutschland auf dem Platz aktuell seiner einstigen Vormachtstellung hinterherhinkt, ist es an anderer Stelle führend: Beim DFL-Expertenforum traf sich die gebündelte Kompetenz in Sachen Sehbehinderten-Reportage – und bewies dabei eindrucksvoll, was möglich ist mit Teamwork über alle Barrieren hinweg.

St. Paulianer und HSVer als gemeinsame Kleinbus-Reisegruppe, blühender Flachs zwischen Dresdenern und Leipzigern und die Farben Gladbachs, Schalkes und Duisburgs in trauter Runde. Gibt’s nicht? Doch! Beim DFL-Expertenforum für Sehbehinderten- und Blindenreportage in der Sportschule Kaiserau ist sowas sogar an der Tagesordnung.

Hier eine herzliche Umarmung, dort ein vertrautes Abklatschen. Man kennt sich, man schätzt sich. „Das ist wie ein Familientreffen“, sagt Nadine Merten, und verweist auf den großen gemeinsamen Nenner: „Hier engagieren sich alle gemeinsam für die gute Sache – auch Vertreter von Clubs, die sonst Erzrivalen sind.“ Die „gute Sache“ ist, Blinden und Sehbehinderten Fans via Audiodeskription ein möglichst vollwertiges Fußballerlebnis zu ermöglichen.

Startschuss 2007 im Kleinen

Das tat Merten bereits im Jahr 2007 bei der Frankfurter Eintracht, als sie dem allerersten bundesweiten Treffen für diesen besonderen Service beiwohnte. Die damalige Zusammenkunft in einem Kölner Hotel glich allerdings noch eher einer konspirativen Nischenveranstaltung einiger Idealisten. Doch die DFL, damals nur als Gast anwesend, erkannte das Potential und machte das Thema zur Chefsache.

Seitdem lädt sie jährlich zu dem Fachtreffen ein, mit dem Ziel, mehr Inklusion und Teilhabe an den Bundesliga-Spielen zu ermöglichen. Mit Erfolg. Dass Sehbehinderten-Reportage längst kein Randphänomen mehr ist, zeigt sich in Kaiserau schon an der zahlreichen und breit gefächerten Teilnehmerschaft: Reporter, Nutzer und Fanbeauftragte, dazu Vertreter von DFB und Bundesbehindertenfanarbeitsgemeinschaft. Insgesamt rund 90 Teilnehmer aus ganz Deutschland.

Doch das Reportertreffen hat in den letzten 13 Jahren nicht nur an Breite gewonnen, sondern auch an Qualität. „Das Niveau war noch nie so hoch wie heute“, betont Broder-Jürgen Trede. Er muss es wissen, schließlich hat er die Fachtreffen von Beginn an federführend begleitet und gehört auch diesmal zu den Referenten. Beim HSV sitz er seit 2003 am Mikro, hat sich als Dozent und Coach auf das Thema Blinden-Reportage spezialisiert und ist in dieser Mission europaweit unterwegs.

Standards und neue Ideen

Tredes Blick über den Tellerrand gestattet ihm die Einschätzung, Deutschland sei in diesem Thema „weltweit führend“. Den Ursprung dazu sieht er im Zusammenspiel der unterschiedlichen Kräfte und der daraus erwachsenen Eigendynamik: „Impulsgeber waren die Nutzer, also unsere Hörer, und dann hat sich aus der Begeisterung der Reporter ein Eigeninteresse entwickelt – mit immer neuen geilen Ideen.“

Dabei müsse das Rad gar nicht immer neu erfunden werden. „Wichtig ist, dass man sich trifft“, so Trede, „das bringt Erfahrungsaustausch und Auffrischung.“ Und das geht offensichtlich einher mit einer allgemeinen Qualitätssteigerung. „In all den Jahren hat sich das eingelöst, was am Anfang mal die Idee war: Gemeinsame Standards zu entwickeln“, bekräftigt der Experte und nennt dafür beispielhaft die Schlagworte „Verortung“, „Ballhöhe“ und „anschauliche Beschreibung“.

Um die hohen Anforderungen weiter zu schulen, gibt es auch in diesem Jahr ein lebendiges Programm. Auf dem Stundenplan stehen verschiedene Workshops mit Coaching in kleinen Gruppen und praktischen Übungen. Dabei wird schnell deutlich: Das Thema lebt von Ebenen-übergreifender Zusammenarbeit – zwischen Reportern und Hörern, Vereinen und Fans, Profis und Ehrenamtlern und nicht zuletzt zwischen Clubs aus unterschiedlichen Städten und Ligen.

Wie vielgestaltig und wertgeschätzt das ehemalige „Spezialgebiet“ längst ist, zeigt sich alleine beim Anblick der Teilnehmer. Nahezu jeder ist mustergültig ausgestattet mit T-Shirts und Jacken, auf denen eigene Logos pranken und Namen wie „Team Barrierefrei“, „Fanradio“, „Sehhunde“ oder „Blind Date“. Und das Ganze wächst weiter. Während der „Dino“ dieses besonderen Reportage-Formates, Bayer Leverkusen, im vergangenen Herbst bereits sein „20-jähriges“ feierte, ist der SV Sandhausen ganz neu dabei.

Geist von Kaiserau

Was offiziell als „Schulung“ angelegt ist, lebt zumindest zu gleichen Teilen vom Austausch am Rande. Medien-Profi Trede schwärmt vom besonderen Teamwork: „Hier geht es um das Miteinander, das kollegiale Coachen, das Netzwerken“. Und das setzt man nach den Lerneinheiten in geselligem Rahmen nahtlos fort: Beim abendlichen Kaltgetränk in der Bar, gemeinsamen Musizieren, Kicken oder Skat-Kloppen. Das ist der „Geist von Kaiserau“.

Auch Tanja Schätzle, Anhängerin des VfB Stuttgart und begeisterte Nutzerin der Sehbehindertenreportage, sieht die stetige Weiterentwicklung dieses Angebotes vor allem begründet in der von allen Beteiligten gelebten Gemeinschaft: „Hier gibt es einen direkten Austausch. Jeder hilft jedem, und jeder nimmt von jedem Hilfe an.“ So, wie es sich eben gehört für eine große Fußball-Familie…

Weitere Infos unter:
www.awo-passgenau.de/projekt-t_ohr
www.barrierefrei-ins-stadion.de

Bildquellen (Titel/Herkunft)

  • Blinde_DFL_Kaiserau: mark zeller

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