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Wölfin „GW954f“ könnte in NRW ein Rudel begründen

von MARTIN D. WIND

DÜSSELDORF/WESEL – Mitte Mai griffen auf dem Gebiet der Gemeinde Hünxe (Kreis Wesel), im Wolfsterritorium Schermbeck, zwei Wölfe bei Tageslicht einen Rothirsch in der Nähe menschlicher Besiedlung an. Der Angriff wurde aus einem Haus heraus als Video dokumentiert, die Vorkommnisse von offiziellen Stellen bestätigt. Es war eine Frage der Zeit, wann solche Beobachtungen gemacht werden können. Seit Anfang der 2010er Jahre gibt es in Nordrhein-Westfalen (NRW) mit zunehmender Tendenz, Sichtungen dieser derzeit noch größten Landraubtiere in Deutschland. NRW ist jedoch bisher kein wolfreiches Bundesland.

Zu überregionaler Berühmtheit gelangt die Schermbecker Wölfin mit der Kennung „GW954f“. Sie greift immer wieder Weidetiere an und verursacht so erhebliche Schäden. Sie wird in NRW bisher offiziell als einziger territorial sesshafter Wolf geführt. Das Video lässt die Annahme zu, dass sie einen Partner hat, mit dem sie nun ein Rudel gründen kann. Neben diesen Entwicklungen im Territorium Schermbeck, gab es bisher in NRW wandernde Wölfe, die nicht in die Statistik einfließen. Sie befinden sich im Alter von etwa zwei Jahren auf Wanderschaft um sich eigene Territorien zu suchen und Rudel zu gründen. Von ihnen liegen nur Sichtungsmeldungen oder Nachweise wie zum Beispiel Wild- und Weidetierrisse, Speichel- und Haarproben oder Losung vor.

Die bei Hünxe gefilmten Tiere sind nicht die ersten gemeldeten Wölfe, die sich einer Stadt in NRW genähert haben und bis an die Wohnbebauung vordrangen. In jüngster Zeit häufen sich Meldungen darüber, dass Wölfe ohne große Scheu die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen oder gar durch Dörfer und Vororte größerer Städte schlendern.

Das könnte in naher Zukunft noch häufiger passieren, denn die Zahl der Tiere steigt Jahr für Jahr um rund 30 Prozent. Bundesweit, so verkündet das Bundesamt für Naturschutz (BfN) nach den Monitoringdaten der „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes für den Wolf“ (DBBW), soll es 2018/19 mindestens 622 erwachsene Wölfe und Jungtiere gegeben haben. Andere naturnahe Organisationen sprechen – abweichend von dieser offiziellen Statistik – von mindestens 1300 Wölfen, die derzeit in Deutschland leben. Beim Umgang mit der Statistik des BfN muss beachtet werden, dass die wandernden geschlechtsreifen Tiere nicht in diese Statistik einfließen. Auch sie stellen bereits die gleichen Ansprüche und Bedarfe an Umgebung und Futter, wie die sesshaften Paare und Rudel. Im Durchschnitt benötigt ein Wolf beispielsweise 3 – 4 kg Fleisch pro Tag.

Im Dezember 2009 hatte das BfN auf der Grundlage seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse für Deutschland bis zu 400 Territorien festgestellt, in denen Wolfsrudel leben können. Ende Mai 2020 wurde erneut eine Studie veröffentlicht. Darin werden nun zwischen 700 und 1400 mögliche Siedlungsgebiete ausgewiesen, die bis zu 14.000 erwachsenen Wölfen alleine in Deutschland Lebensraum bieten sollen. Interessant an dieser Studie ist, dass die Autorinnen von Behauptungen abrücken, die bisher als festgeschriebene Tatsachen von den sogenannten Naturschutzverbänden wie beispielsweise dem NABU oder auch vom Bundesumweltministerium unter Svenja Schulze (SPD) immer gerne wiederholt wurden: Die Wölfe würden die Nähe der Menschen meiden und seien scheu. Die Studie kommt zu dem Schluss dass Wölfe als „absolute Habitatgeneralisten“ „potenziell fast die gesamte deutsche Landschaft in ihrer Vielfalt nutzen könnten.“ Überrascht scheinen die Verfasserinnen „dass einige wenige Rudel sich auch außerhalb der vorhergesagten Gebiete angesiedelt haben“ und damit Experten widerlegt hätten. Angesichts des sich häufenden Auftauchens der Wölfe in der Nähe menschlicher Siedlungen, wird hier selbst in der Studie bereits ein erhöhtes Konfliktpotential zwischen den Bürgern und dem Großräuber konstatiert.

Neben den bereits widerlegten Behauptungen, Wölfe würden nicht springen, sie würden nicht hoch springen, sie würden keine Zäune überqueren, sie würden sich nicht an Pferde wagen oder wären durch Hunde und Lamas zu vertreiben, birgt die Studie damit interessante Aussichten auf ein spannendes Verhältnis zwischen den Wölfen und uns Menschen.

Bildquellen (Titel/Herkunft)

  • Wolf_Wölfe: pixabay

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