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Christiane Underberg: Die Kräuterfee

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Christiane Underberg empfängt mich im Stammhaus des Familienunternehmens im pittoresken Rheinberg. Ein imposantes, denkmalgeschütztes Haus – genau genommen ein ganzer Straßenzug – mitten in der Innenstadt, dahinter ein sorgfältig angelegter Kräutergarten. Den hegt und pflegt die Herrin des Hauses selbst, was ihr bei ihrem Mann den lieb gemeinten Spitznamen „meine Kräuterfee“ eingebracht hat. Im Inneren zwei Empfangsräume voller edler Vitrinenschränke, gefüllt mit Firmengeschichte. Produktpackungen, Modellautos der Underberg-Lieferwagen, antike Bücher über Kräuter… Keine Frage, die Familientradition spielt hier eine große Rolle. Und ganz oben auf dem Schrank (wer den Blick nicht hebt, würde ihn übersehen): Jesus Christus, schützend breitet seine Statue beide Arme über die Besucher des Hauses aus, die unterhalb von ihm in riesigen, underberggrünen Ohrensesseln Platz nehmen dürfen.

Christiane Underberg ist so ganz anders als erwartet. Unkomplizierter, unkapriziöser. Weit entfernt von Standesdünkel, den sie angesichts all ihrer Wohltaten uneingeschränkt einfordern könnte. Doch es ist nicht ihre Art, sich ausgiebig loben zu lassen, für das was sie tut. Dafür hat sie im Übrigen auch keine Zeit, denn das nächste Projekt wartet meistens schon. „Ehrenamt ist kein Zweitberuf“, sagt sie. Was sie in ihre Hände nimmt, macht sie nicht, weil sie zuviel Freizeit hat, sondern weil sie es als Aufgabe betrachtet. Und offenbar kann sie auch an keinem ungelösten Problem einfach vorbeigehen.

Sicher habe ich auch etwas Missionarisches

gibt sie schmunzelnd zu. „Ich will im Leben etwas gestalten, etwas zum Besseren verändern“, sagt Christiane Underberg. Untrennbar sind mit ihrem Handeln Ethik, Christentum, Werte und Verantwortung verbunden. „Ich bekenne mich zu meinem christlichen Menschenbild“, sagt die Familienunternehmerin und möchte damit auch andere Firmenlenker ermutigen, es ihr gleich zu tun. „Ich bin für Flagge zeigen“, erklärt sie ihre Motivation. Und: Aus dem Status einer erfolgreichen Unternehmerin heraus, kann sie es sich auch leisten.
Vielleicht ist gerade das der Grund, warum Christiane Underberg nie in die Politik gegangen ist. Personalkarussell und Ränkespiele sind ihr zuwider. Nur kurz war sie Vorsitzende der CDU-Frauenvereinigung in Xanten: „Doch dann hab ich dem Bürgermeister gesagt, ich weiß nicht, wofür wir hier eine Frauenvereinigung haben. Ich kenne kein Problem, das ohne die Männer gelöst werden könnte.“ Dieser Satz sagt viel über die Rastlose aus: Pragmatisch Handeln, nicht nur reden; die Dinge angehen, lösen und dann weiter zum Nächsten. „Wenn ein Kind laufen kann, muss man es loslassen“, und so macht sie es auch mit ihren Projekten. Die Unternehmerin ruft sie ins Leben, bringt die Dinge zum Laufen und zieht sich wieder zurück, wenn es ohne sie weiter geht, anstatt in noch einem weiteren Gremium herumzusitzen.

So schied sie auch aus dem „Rat für nachhaltige Entwicklung“ der Bundesregierung aus, dem sie wirklich gerne angehört hatte. Aber die Gesundheit machte nicht mit. Eine Krebserkrankung Ende 2008 raubte ihr die Kraft. „Ich war einfach die statistische Nummer acht“, verweist sie auf wissenschaftliche Erkenntnisse, nach denen jeder Achte in Deutschland an Krebs erkrankt. Und deswegen hadert sie auch nicht mit ihrem Schicksal oder Gott und beschäftigt sich auch nicht mit Gedanken wie „Warum ausgerechnet ich?“. Eine Krankheit ist für sie etwas, das in den normalen, großen, gottgewollten biologischen Kreislauf gehört.

Underberg Nostalgieschild

Underberg Nostalgieschild

Auch das kehrt immer wieder, wenn Christiane Underberg erzählt. Alles ist Natur, alles ist immer Teil eines großen Ganzen: „Auch ein Unternehmen ist wie ein Organismus, Hand, Fuß, Herz, jedes einzelne Glied ist wichtig an seinem Platz.“ Mit dieser Einstellung wird das Unternehmen noch von ihr und ihrem Mann Emil geführt und nun an Tochter Hubertine weiter gereicht. „Familienunternehmer sind anders, die wollen etwas bewahren. Die geben ihren Job abends nicht an der Garderobe ab“, so beschreibt Christiane Underberg ihre Philosophie. „Natürlich muss man als Unternehmer auch mal Mitarbeiter entlassen, aber es kommt darauf an wie!“
Ob Frauen Unternehmen anders führen als Männer, will ich noch wissen. „Wenn sie denn Frauen sind, und nicht eines dieser androgynen Wesen aus der Wirtschaft“, sagt sie. Frauen, da lässt sie keinen Zweifel aufkommen, müssten ihre angeborenen weiblichen Talente nutzen, gerade in der Führung von Menschen.

Und von Menschen versteht sie viel. Als gelernte Sozialarbeiterin kann sie andere Menschen gut einzuschätzen. „Man kommt da mit vielen Randgruppen in Berührung“, erinnert sie sich an ihre frühere Tätigkeit: Obdachlose, Arme, und Prostituierte. Sie lernt verstehen, was es heißt, in echter Not zu leben. Das motiviert sie bis heute, auf vielfältige Art und Weise zu helfen.

In vielen Dingen war Christiane Underberg Vorreiterin. Sie war eine Grüne, als es die Grünen noch gar nicht gab, engagiert sich für die Umweltstiftung WWF und setzt sich bis heute dort im Stiftungsrat für Nachhaltigkeit ein. Sie war emanzipiert, als noch niemand Alice Schwarzer kannte, macht als eine der ersten Frauen in Deutschland 1958 einen Jagdschein – definiert Feminismus aber in ihrer eigenen, christlich-katholischen Weise. Auf die Frage, was sie denn nun als erster Stelle sei, Unternehmerin, Mutter oder Ehefrau antwortet sie mit herrlich unkonventionellen Sätzen, die heute jede Feministin schwindeln lassen würde: „Meine erste Aufgabe ist es, dass mein Mann im Lot ist.“ Und sie sieht beileibe nicht unterdrückt dabei aus. Liebevoll spricht sie von ihrem Mann, ihrer Familie, den vier Kindern, den zwölf Enkelkindern, die ihr immer wichtig waren. „Natürlich hatten wir Personal. Wenn man ein Unternehmen führt und reisen muss, geht es gar nicht anders. Aber die Erziehung meiner Kinder habe ich mir nie aus den Händen nehmen lassen.“ Deswegen ist sie auch unzufrieden mit der aktuellen Familienpolitik von Ursula von der Leyen, die zu sehr auf staatliche Erziehungsangebote setze und Müttern und Vätern zu wenig Raum lasse.

Underberg und RüttgersUnzählige Preise hat Christiane Underberg schon verliehen bekommen für ihre ehrenamtliche Arbeit, zuletzt den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen „Weil ich sie nicht rechtzeitig verhindern konnte“, wie sie sagt. Am meisten hat sie sich über die Ehrung mit der „Goldenen Handwerkernadel“ gefreut, als Meisterin der Hauswirtschaft, einer ihrer zahlreichen Zweitberufe. Und sie singt ein Loblied auf den Handwerker an sich. Menschen, „die etwas durch ihre Hände gehen lassen“, so sagt sie, „sind eher im Gleichgewicht.“

Die aktuelle Wirtschaftskrise habe das Hause Underberg noch nicht voll erwischt, auch wenn schon spürbar sei, dass die Menschen weniger ausgehen. In gewisser Hinsicht, empfindet sie die Krise sogar als reinigend. „Wir hatten zuviel von Allem. Zu viel Geld, zu viele Artikel, zu viel Auswahl, zu viele Möglichkeiten.“ Sie wünsche sich ein neues, „genussvolles Mittelmaß“ zwischen Überfluss und Mangel.

Ich glaube, dass mit der Krise der Lebensstil im Sinne der Nachhaltigkeit überdacht werden wird.

Sie liebt das Einfache, das Selbstgemachte. Ein bisschen klingt das wie „zurück zu den Wurzeln“, und so ist es wohl auch gemeint. Deswegen lässt sie bei Führungskräftetreffen dicken Linseneintopf servieren – „und Sie glauben nicht, wie die reinhauen“ – und deswegen mussten ihre Kinder auch selbstverständlich die Kleidung der älteren Geschwister auftragen.

Eineinhalb Stunden dauert unser Gespräch, und wahrscheinlich würde ich auch heute noch in einem der bequemen Ohrensessel sitzen und einfach nur Geschichten aus einem faszinierenden Leben hören, wenn es nicht auch noch geschäftliche Verpflichtungen für Christiane Underberg gäbe. Zum Abschluss drückt sie mir herzlich die Hand und schenkt mir einige hochprozentige Produkte, der Firma Underberg. Erst da fällt mir wieder ein, dass sie ja hauptsächlich Unternehmerin ist ….

Zur Person

Christiane Underberg, geboren 1939 in Frankfurt/Oder, flüchtet als Kind mit ihrer Familie nach Dortmund. 1962 heiratet sie Emil Underberg, sie haben vier Kinder.
Die gelernte Sozialarbeiterin und Meisterin der Hauswirtschaft führt mit Ehemann Emil und Tochter Hubertine in vierter bzw. fünfter Generation das Familienunternehmen.
Sie ist Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Jagdliche Ethik“ im CIC-International, im Programmausschuss des WWF, Vorstandsmitglied im Förderverein Kloster Mörmter e.V, Gründungsmitglied der Europäischen St. Norbert Stiftung und in vielen weiteren Institutionen engagiert.
Zahlreiche Preise wurden ihr verliehen, u.a. 1998 der Benediktspreis, 2000 das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 2004 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Paulusplakette des Bistums Münster und zuletzt 2009 der Verdienstorden des Landes NRW.

Bildquellen (Titel/Herkunft)

  • Underberg_Christiane: Bildrechte beim Autor

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