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Messechef Gerald Böse

„Wir sind weiter Champions League“ – Interview mit Koelnmesse-Chef Gerald Böse

Gerald Böse ist nicht zu beneiden. Vor eineinhalb Jahren übernahm er die geschäftliche Leitung der Koelnmesse und damit erhebliche finanzielle Belastungen für die nächsten Jahre. Doch der Manager hat ehrgeizige Pläne und sieht sein Unternehmen auf einem guten Weg.

Herr Böse, Sie sind seit 18 Monaten Chef der Koelnmesse. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Die 18 Monate habe ich genutzt, um hier im Konzern und in der Stadt heimisch zu werden, die Mitarbeiterinnen und Mit-arbeiter kennenzulernen, ebenso unsere Kunden und die einzelnen Veranstaltung-en. Bei einem Portfolio von mehr als 70 Messen, die wir jährlich hier am Messeplatz Köln und weltweit durchführen, konnte ich über mangelnde Arbeit nicht klagen.

Welche Bedeutung hat die gamescom, die wohl spektakulärste Neuakquisition der Koelnmesse, für Ihr Geschäft?

Wenn man eine wichtige Branche überzeugt, von einem Standort zum anderen zu wandern, dann gibt das natürlich Impulse für den Messeplatz. Speziell im Bereich von Medien und Kommunikation stellt die gamescom einen wesentlichen Eckpfeiler unserer zukünftigen Strategie dar. Wir haben ja darüber hinaus auch die Leitmesse der digitalen Werbewirtschaft, die dmexco, erstmalig im Jahr 2009 hier bei uns auf dem Gelände. Wir haben die ANGA Cable im Bereich Satellitenfernsehen, wir haben den RADIODAY, wir haben das medienforum.nrw, wir haben die photokina. Es gibt in Deutschland sicher keinen anderen Messeplatz, der in diesem Bereich so gut aufgestellt ist.

Zur gamescom konnten Sie ein anderes, jüngeres Publikum begrüßen als zu den herkömmlichen Messen. Sehen Sie das als Chance, die Stadt Köln zukünftig noch stärker in Ihre Aktivitäten mit einzubeziehen?

Im Zusammenwirken mit der Stadt Köln und vielen weiteren engagierten Partnern haben wir über die Messehallen hinaus ein Top-Rahmenprogramm aufgestellt, das vor allem die jungen Zielgruppen bedient. Jeden Abend gab es spektakuläre Events: auf dem Messegelände, am Tanzbrunnen, in der LANXESS-Arena und in der Innenstadt. Wir sind fußläufig von der Altstadt entfernt, die Leute wohnten in Hotels in der Umgebung. Wir haben hier im Sinne eines gemeinschaftlichen Destinations-Marketings in idealer Weise die Messe mit der Stadt und der Region verknüpft.

Das war die gamescom, aber was ist mit anderen Events?

Wir haben dieses Konzept, unsere Messen in die Stadt zu tragen, schon im Vorjahr praktiziert, Beispiel photokina: Da haben wir ein Fotofestival angedockt – „Köln fotografiert“. Wir haben eine gigantische Party in den Rheinparkhallen mit über 5.000 Leuten veranstaltet. All das verstärkt die Bindung zwischen Stadt und Messe. Wir waren zur Kunstmesse „Art Cologne“ in einem größeren Radius aktiv, indem wir uns mit der Region Düsseldorf und Bonn zusammengetan haben – was vor allen Dingen auf Sammler-, Gale-risten- und Medienseite hervorragend ankam. Wir sind stark genug, um gegen Paris, Berlin oder London im Kunstmarkt bestehen zu können – aber nur als Region.

Die popkomm hat Köln verlassen und ist nach Berlin gegangen. Jetzt ist sie dort gerade ausgefallen. Sehen Sie da Koope-rationsmöglichkeiten, um vielleicht über die gamescom und das junge Publikum die popkomm zurück zu holen?

Diese Dinge miteinander zu vermengen, halte ich für schwierig. Ich glaube, eine popkomm alter Prägung, wie sie mal in Köln stattgefunden hat, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Auch die popkomm hat in den letzten Jahren gravierende Veränderungen auf Konsumentenseite und auf technischer Ebene über sich ergehen lassen müssen, und das muss ein neues Format auch widerspiegeln. Aber Fakt ist, und darüber freuen wir uns, dass wir in Köln Formate wie c/o pop haben, die offensichtlich auch diese Industrie wieder anziehen.

Wir sprachen eben über den Kunstmarkt. Die ART COLOGNE war ein bisschen das Sorgenkind. Nun gibt es eine neue Konzeption, weniger Aussteller, mehr Qualität …. wie wird es mit der ART COLOGNE weiter gehen?

Es war schon länger klar, dass im Bereich der Kunstmessen ein gewisser Optimierungsbedarf vorherrschte. Sie müssen sich vorstellen, die ART COLOGNE im Herbst war seit ihrem Bestehen ein festgesetzter Termin im Kalender, weltweit – die Mutter aller Kunstmessen. Man hat, glaube ich, die Terminverschiebung ins Frühjahr in ihrer Gesamtheit etwas unterschätzt. Wir sind dabei geblieben. Wir sind mit einer Cologne Fine Art & Antiques mit einem neuen Kopf an der Spitze in den Herbst gegangen. Auch die ART COLOGNE hat einen neuen künstlerischen Leiter. Das gibt uns die Chance, beide Veranstaltungen mit einem klaren Profil zu entwickeln, in Konkurrenz nicht nur miteinander, sondern auch gegenüber den relevanten Wettbewerbsmessen. Wir sind noch lange nicht am Ziel. ART COLOGNE wie Cologne Fine Art & Antiques besitzen großes Potenzial. Köln ist und bleibt ein Kunststandort erster Klasse.

Ihre Vorgänger haben Ihnen ja mit dem Neubau der Nordhallen finanziell eine Erbschaft hinterlassen, die Sie wahrscheinlich nicht als allzu erfreulich empfinden. 27 Millionen Euro Miete pro Jahr. Wie wollen Sie in absehbarer Zukunft eigentlich jemals schwarze Zahlen schreiben?

Realistisch betrachtet werden wir mindestens bis zum Jahr 2012 keine Gewinne ausweisen. Aber die Koelnmesse ist, auch was das Eigenkapital angeht, hervorragend aufgestellt, insofern braucht sich auch niemand Sorgen zu machen. Wir wollen aber ab 2012 schwarze Zahlen schreiben und haben dafür das Effizienzprogramm 2012plus aufgelegt, das auch Kostensenkungen, Effizienz steigernde Straffung der Strukturen und Prozesse sowie profitables Wachstum beinhaltet. Beim Personal haben wir die natürliche Fluktuation mit eingerechnet – allerdings keine betriebsbedingten Kündigungen.

Mit diesem Programm sind bis 2012 Kosteneinsparungen in Höhe von 50 Millionen Euro verbunden. Ob wir es schaffen, ab 2012 wieder schwarze Zahlen zu schreiben, hängt aber sicher vom weltweiten Verlauf der Finanz- und Wirtschaftskrise ab, die die Messewirtschaft zeitverzögert, im zweiten Halbjahr 2009 und 2010 treffen wird. Ich bin aber zuversichtlich. Es gibt in Deutschland keinen vergleichbaren Messeplatz, der in jüngster Vergangenheit mehr neue Veranstaltungen am eigenen Standort und auch international lanciert hat. Es tut sich eine Menge, und Köln hat das Potential, weiterhin in der Champions’ League mitzuspielen. Ohne das neue Nordgelände allerdings – auch das muss man hier deutlich sagen – hätten wir uns aus der Top-Messeliga verabschieden können.

Bildquellen (Titel/Herkunft)

  • Porträt Messechef Gerald Böse: NRW.jetzt

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