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Durch Expansion aus der Krise – Herr Heuwinkel goes India

In Kamp-Lintfort haben sich zwei Kleinunternehmer zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen. Um ihre wirtschaftliche Existenz und die 15 Arbeitsplätze zu retten, gründen sie eine Filiale in Indien.

„Das hier sind nicht unsere Mitarbeiter, sondern Bekannte, Freunde und Nachbarn. Wir kennen deren Ehepartner und auch ihre Kinder“, so beschreibt Michael Heuwinkel (40) seine Belegschaft. Und deshalb ist für ihn und seinen Partner Georg Boenig (49) klar: „Entlassen geht gar nicht!“ Das aber ist ein Szenario, mit dem sich die beiden Eigentümer der Firma Heuwinkel & Boenig Hydraulik GmbH seit einigen Monaten beschäftigen müssen. Die Wirtschaftskrise hat aus früher 1,8 Millionen Euro Jahresumsatz wenig mehr als 1,2 Millionen gemacht. Wenn sich nichts tut, so versichern Beide, müssen sie ihren Betrieb im November schließen. Eine Horrorvorstellung, denn als die Beiden 1998 das Unternehmen, das sich mit der Instandsetzung von Hydraulik-Komponenten beschäftigt, gründeten, legte jeder seine Ersparnisse von 1.000 DM ein. Seither ging es stetig bergauf. Ein schmuckes Firmengebäude wurde errichtet mit einer 900 Quadratmeter großen Werkstatt, alles ist sauber und gepflegt, das Team arbeitet reibungslos und professionell zusammen. Der Kundenstamm reicht von Kamp-Lintfort bis ins Sauerland, nach Stuttgart, den Niederlanden und Österreich. Man hat sich einen Namen gemacht.

Doch dann kam die Krise, die Aufträge wurden weniger, inzwischen ist Kurzarbeit angesagt. Heuwinkel und Boenig sind keine Leute, die sitzen und auf bessere Zeiten warten. Ein neuer Markt wurde gesucht, um den Laden wieder in Schwung zu bringen. Die weltweit größten Märkte heutzutage sind China und Indien. So griffen die beiden Unternehmer zum Telefon, riefen bei Firmen an, die diese Märkte aus eigenem Erleben kannten. Deren Auskunft: Geht nach Indien, da werden Verträge immer eingehalten und Rechnungen immer bezahlt.

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Quelle: Bildrechte beim Autor

Und so ließen Heuwinkel und Boenig ihren Firmenprospekt ins Englische übersetzen. Anfang Dezember 2008 machte sich Heuwinkel auf den Weg ins indische Bangalore zur Maschinenbau-Messe MDA und verteilte seine Werbebroschüren an den Ausstellungsständen. Am nächsten Tag flog er zurück. „Als ich zuhause ankam, war mein Mail-Ordner schon voll“, kommt er ins Schwärmen, wenn er an die Resonanz zurückdenkt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon professionelle Hilfe, denn beiden Unternehmern war klar: „Wir brauchen einen Inder!“ Den fanden sie im Diplomingenieur Shailendra Mohan Tiwary, einem Bekannten von Boenigs ehemaligem Vermieter. Tiwary, 72 Jahre jung, war Rentner, lebte seit 50 Jahren in Deutschland und hatte einst Metallurgie studiert. Damit wurde er vom Fleck weg engagiert. Hilfe leistete auch das NRW-Wirtschaftsministerium in Düsseldorf und die Deutsch-Indische Handelskammer.

Alle Anträge sind inzwischen eingereicht, drei Monate hat das gedauert. Heuwinkel: „Die Bürokratie in Indien ist zehn Mal schlimmer als bei uns.“ Doch schließlich hat alles funktioniert. Anfang Juni waren sie wieder vor Ort, hatten Termine bei möglichen Kunden, suchten nach einer geeigneten Halle, denn die Zeit drängt. „Die Schlinge wird immer enger“, sagt Heuwinkel, dessen Belegschaft in dieser schweren Zeit zusammenhält und das Indien-Abenteuer ihres Chefs uneingeschränkt unterstützt. „Wir stecken unsere letzte Kohle in das Projekt“, sagt Heuwinkel, der für die Expansion ins ferne Indien ganze 40.000 Euro zur Verfügung hat. Was er braucht, sind einige kleinere Aufträge zum Start der neuen Heuwinkel & Boenig Private Ltd. mit Sitz in Pune, einem industriellen und kulturellen Zentrum mit drei Millionen Einwohnern. Die Stadt war in den 70er Jahren bei Hippies aus aller Welt bekannt, gründete doch hier Sektenführer Bhagwan seinen ersten „Ashram“.

Doch Heuwinkel und Boenig sind alles andere als Hippies, sie arbeiten und kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz. „Es muss einfach klappen“, sagt Heuwinkel fast beschwörend. „Wenn die ersten Rupien rollen“, wird er selbst für einige Monate nach Pune ziehen, begleitet von seiner Frau Waltraud („Ich vertraue ihm bedingungslos“) und zwei Mitarbeitern. Alles ist vorbereitet, es gibt nun kein Zurück mehr. Eine Halle, eine Fräse, eine Drehbank und Werkzeug brauchen sie in Pune. Und Aufträge. „Das Vorhaben beschäftigt uns natürlich jeden Tag und jede Nacht“, gibt Heuwinkel zu, dass ihm manchmal mulmig vor der eigenen Zivilcourage ist. Doch, so sagt er, „selbst wenn es nicht funktioniert und wir dichtmachen müssen, so will ich wenigstens sagen können: Wir haben alles versucht!“

Bildquellen (Titel/Herkunft)

  • Heuwinkel: NRW.jetzt

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